Ma – Zwischen der Zeit
Ma ist der Raum dazwischen. Nicht leer, sondern offen.
Ma meint den Zwischenraum, in dem etwas nachklingen und sich neu ordnen darf.
Den Raum, in dem Gefühle sich zeigen und durchlebt werden dürfen – bis dadurch auch Gedanken wieder mehr Raum bekommen.
Wie ein Lagerfeuer. Ich sitze davor, spüre die heißen Flammen und bleibe dabei. Ich muss sie nicht löschen. Irgendwann werden sie kleiner und verlieren ihre Macht.
Diese Zeit darf Raum bekommen.
Was darin geschieht, folgt keiner festen Ordnung. Trauer kennt keine verlässliche Reihenfolge. Wut kann verschwinden und wiederkommen. Das Nicht-wahrhaben-Wollen kann neben dem Wissen stehen, dass etwas endgültig ist. Man kann akzeptieren und am nächsten Morgen wieder verhandeln.
Vielleicht ist gerade das Ma: nicht entscheiden zu müssen, wo in diesem Prozess man gerade sein sollte.
Schmerz
Sprachlosigkeit
Ohnmacht
Hilflosigkeit
Übelkeit
Nicht-wahrhaben-Wollen
Wegschieben
Überspielen
Ablenken
Weitermachen
Nicht fühlen wollen
In der Wut
Wut auf den Menschen
Wut auf den Betrug
Wut auf die Verletzung
Wut auf den letzten Streit
Wut auf das Ende
Wut auf den Tod
Wut auf die Endgültigkeit
Wütend darüber, dass etwas genommen wurde. Darüber, dass in mir Leid ist. Und dass es an mir liegt, wie ich mit dieser Wut umgehe.
Im Verhandeln
Wenn ich es anders gemacht hätte
Ich konnte nicht mehr Emotionen tragen
Wenn ich noch einmal gesprochen hätte
Ich konnte nicht mehr zuhören
Wenn ich mehr verstanden hätte
Ich konnte nicht mehr halten, was bereits zerbrochen war
In der Trauer
Tränen
Sehnsucht
Vermissen
Hoffnungslosigkeit
Schuld
Scham
Trauer über die Wut
Trauer über die Trauer
Und auch in der Akzeptanz
Die Wut darf wiederkommen. Sie darf wieder gehen.
Die Trauer darf bleiben und sich verändern.
Auch das Verhandeln verschwindet nicht einfach. Und selbst das Nicht-wahrhaben-Wollen kann wieder auftauchen.
Ich darf in Ma mit meinen Gefühlen immer wieder neu verhandeln. Sie brauchen nicht völlig zu verschwinden.
Ich beginne zu verstehen, dass all das gerade in mir ist und nun zu mir gehört.
Ich beginne zu verstehen, dass Zeit Raum braucht.
Selbstreflexion
Was zeigt sich, wenn mein Blick nicht mehr nur im Außen nach Lösungen sucht – wenn ich mehr auf mich selbst schaue?
Mit der Zeit darf sich mein Blickwinkel verändern und langsam das sehen, was sich unter meinen Gefühlen abspielt. Meine Verletzungen. Meine Ängste. Die Erfahrungen, die mich geprägt haben. Denn ich bin hier. Es gibt kein Entkommen vor mir selbst.
Es geht nicht mehr darum, mich schuldig zu sprechen oder mich zu verteidigen. Sondern darum, mir selbst ehrlicher zu begegnen. Meinen Mustern. Meinen Bedürfnissen. Meinen Grenzen. Und dem, was ich in Beziehungen mitbringe.
Vielleicht entsteht daraus auch die Frage, ob ich weiterhin Altes wiederholen möchte – oder bereit bin, Neues in mir entstehen zu lassen. Nicht mehr nur auf den anderen zu schauen, sondern auch zu verstehen, wie ich fühle, handle und reagiere.
Nicht als Opfer meiner Ängste. Und auch nicht als Mensch, der alles kontrollieren kann. Sondern als Mensch mit meinen Verletzungen, Bedürfnissen, Sehnsüchten und meiner eigenen Verantwortung.
Vielleicht entsteht genau daraus die Möglichkeit, mich selbst besser wahrzunehmen, ehrlicher zu kommunizieren und meinem Inneren Sprache zu geben.
Und vielleicht auch die Frage, ob ich bereit bin, Ma in mir entstehen zu lassen.
Ein Gedanke dazu
Dieses Ma ist mehr als das Fehlen von Gefühl.
Es ist der Zwischenraum, der den Dingen erst Form gibt.
Wie ein Gefäß erst durch seinen Hohlraum Bedeutung erhält.
Ma trägt die Freiheit in sich,
nicht sofort reagieren zu müssen.
Die Atempause zwischen Schmerz und Verzeihen.
Ein Resonanzraum,
in dem sich inneres Chaos langsam ordnen darf.
Vielleicht liegt genau darin seine Kraft:
Einsamkeit nicht länger nur als Mangel zu begreifen,
sondern als notwendige Distanz,
um sich selbst wieder hören zu können.
Quellen & wissenschaftliche Grundlagen
Stroebe, M. & Schut, H. (1999). The Dual Process Model of Coping with Bereavement: Rationale and Description. Death Studies, 23(3), 197–224.https://doi.org/10.1080/074811899201046
Fiore, J. (2021). A Systematic Review of the Dual Process Model of Coping With Bereavement (1999–2016). OMEGA – Journal of Death and Dying, 84(2), 414–458. https://doi.org/10.1080/074811899201046
Stroebe, M., Schut, H. & Boerner, K. (2017). Cautioning Health-Care Professionals: Bereaved Persons Are Misguided Through the Stages of Grief. OMEGA – Journal of Death and Dying, 74(4), 455–473. https://doi.org/10.1002/ab.70055
Smith, K., Jones, A., Daly, N., Widdrington, H., Garofalo, C. & Gillespie, S. M. (2026). Emotion Regulation and Aggression: A Systematic Review and Meta-Analysis. Aggressive Behavior, 52(1), e70055. https://doi.org/10.1002/ab.70055
Li, J. (2020). The Culture of Ambiguity: Ma in Japanese Culture and Design Movement Posters. Design Issues, 36(4), 72–86. https://doi.org/10.1162/desi_a_00615