Liebe: Mute
Manchmal frage ich mich, was es eigentlich ist, das bleibt, wenn Liebe nicht mehr so spürbar ist wie früher.
Nicht, weil kein Leben mehr da wäre. Alltag ist da. Streit ist da. Gespräche sind da. Gegenseitige Aufgaben werden erledigt. Pflichtbewusstsein ist da. Auch Berührung kann noch da sein. Und trotzdem gibt es Augenblicke, in denen etwas nicht mehr in derselben Weise in Verbindung ist.
Dann beginnt sich Einsamkeit einzunisten.
Vielleicht ist genau das so schwer zu verstehen: Einsamkeit in der Liebe.
Liebe hat sich gebildet und vergeht nicht so schnell, auch wenn ich es mir manchmal wünschen würde. Denn dann würde vieles weniger wehtun. Mich weniger belasten. Mich weniger an etwas binden, das nicht mehr eindeutig lebendig ist.
Gefühle kommen und gehen oft wie ein Augenblick. Liebe bleibt länger bestehen. Sie übersteht Veränderungen, Verletzungen, Brüche und Verschiebungen. Vielleicht ist es genau das, was mich manchmal an mir selbst festhält. Ich spüre, dass noch etwas da ist, und weiß doch nicht immer, was es ist, das ich nicht loslassen will.
Vielleicht geht es dabei nicht nur um zwei Menschen. Vielleicht betrifft dieser Zustand auch Familie, Freundschaften und alles, was über Zeit Teil des eigenen Lebens geworden ist. Liebe soll Nähe ermöglichen. Geborgenheit. Ein Gefühl von Verbindung. Und doch kann sie manchmal eine Einsamkeit in sich tragen, die schmerzhafter ist als Einsamkeit ohne Liebe.
Weil meine Hoffnung noch da ist.
Weil ich noch Sinnhaftigkeit spüre.
Weil etwas in mir weiterhin an Verbindung glaubt, obwohl ich längst wahrnehme, dass Menschen einander nicht mehr auf dieselbe Weise erreichen wie früher.
Mit der Zeit kommt Liebe. Aber vielleicht nimmt die Zeit sie nicht nur auf. Vielleicht prüft sie sie auch. Sie verändert sie, verdeckt sie oder verwandelt sie in etwas, das nicht mehr so leicht zu benennen ist. Vielleicht ist Liebe dann nicht weg. Vielleicht ist sie nur nicht mehr dort, wo ich sie suche.
Manchmal liegt sie unter Wut. Unter Müdigkeit. Unter Ohnmacht. Oder unter der stillen Erfahrung, dass Nähe nicht immer bedeutet, wirklich erreicht zu werden.
Erich Fromm beschreibt Liebe nicht nur als Gefühl, sondern als Fähigkeit. Als etwas, das Fürsorge, Verantwortung, Achtung und Erkenntnis braucht. Vielleicht wird gerade dort sichtbar, wie ambivalent Liebe sein kann: Sie bleibt nicht einfach, weil sie schön ist. Sie bleibt manchmal auch, weil sie einmal Bedeutung hatte. Weil sie Teil einer inneren Geschichte geworden ist. Weil sie sich nicht auf Knopfdruck ausschalten lässt.
Auch die Bindungsforschung beschreibt Liebe nicht nur als momentanes Gefühl, sondern als Beziehungserfahrung, die sich über Zeit im Menschen verankert. Bindung kann beruhigen. Sie kann Sicherheit geben. Sie kann aber auch schmerzen, wenn Nähe zwar noch erinnert wird, aber nicht mehr wirklich erreichbar ist.
Ist deshalb die Liebe verschwunden?
Oder geht sie noch immer Hand in Hand mit der Zeit, auch dann, wenn sie ihre Gestalt verändert hat?
Vielleicht muss ich manches aushalten, bevor es verstanden werden kann.
Denn Liebe steht auf dem Spiel
Ein Gedanke dazu
Wenn Liebe als Bindung über längere Zeit entsteht, verschwindet sie oft nicht gleichzeitig mit der Spürbarkeit von Nähe. Gerade darin kann seelischer und auch körperlicher Stress entstehen. Menschen erleben dann nicht nur Verlust, sondern eine Spannung zwischen einer inneren Verbundenheit, die noch da ist, und einer Gegenseitigkeit, die nicht mehr in derselben Weise erreichbar scheint.
Das betrifft nicht nur romantische Beziehungen. Auch in Familien und Freundschaften kann Liebe weiterbestehen, obwohl Nähe, Verständnis oder Selbstverständlichkeit brüchig geworden sind. Jede Form von Beziehung hat dabei ihre eigenen Verschärfer. In romantischen Beziehungen kann Sexualität zu einer besonders empfindlichen Ebene werden, weil sich in ihr Nähe, Begehren, Bestätigung und Zurückweisung verdichten. In Familien liegen Belastungen oft in hohen Erwartungen, Rollenbildern und in vielem, was einander still zugemutet oder übereinandergestülpt wird. In Freundschaften zeigt sich häufig eine andere Ambivalenz: Nähe ist da, aber nicht dieselbe Verbindlichkeit, nicht dieselbe Priorität und nicht dieselbe Eindeutigkeit wie in anderen Beziehungen.
Diese Diskrepanz kann in eine Einsamkeit führen, die besonders schmerzhaft ist, weil Liebe noch da ist, Nähe aber nicht mehr auf die ersehnte Weise gelingt.
Wo Liebe stumm wird, bleibt Leere.
Quellen & wissenschaftliche Grundlagen
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens / The Art of Loving, 1956. Fromm beschreibt Liebe nicht nur als Gefühl, sondern als Fähigkeit bzw. Kunst. Zentrale Elemente reifer Liebe sind Fürsorge, Verantwortung, Achtung und Erkenntnis.
https://openlibrary.org/works/OL1184991W/The_Art_of_Loving
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13059089/
Hazan, C., Shaver, P. (1987): Romantic love conceptualized as an attachment process. Die Studie überträgt bindungstheoretische Konzepte auf erwachsene romantische Liebe.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/3572722/
Walum, H., Young, L. J. (2018): The neural mechanisms and circuitry of the pair bond. Überblick zu neurobiologischen Grundlagen von Paarbindung, u. a. Dopamin, Oxytocin und Vasopressin.
https://www.nature.com/articles/s41583-018-0072-6
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6283620/
Lieberman, M. D. / Reis, H. T. et al. — Forschung zu Einsamkeit, Wahrnehmung von Fürsorge und Beziehungsqualität. Einsamkeit kann beeinflussen, wie stark Fürsorge und Zuwendung anderer wahrgenommen werden.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38407098/
Qualität von Alltagsaktivitäten und Einsamkeit in romantischen Beziehungen. Studie zur Verbindung von Beziehungserleben, Alltagsqualität und Einsamkeit.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10738243/