Liebe: ON
Dort, wo der Gedanke aufgehört hat,
bleibt mitunter etwas stehen.
Liebe.
Nicht mehr als Wort und nicht mehr als dieses „Ich liebe dich“, das sich vielleicht schon aufzulösen begonnen hat, wenn Zeit ihre Bedeutung verliert.
Und doch ist da etwas.
Es entsteht ein Zusammenspiel mit dem, was mich hineinzieht. Am Anfang oft laut, spürbar, fast ein wenig unruhig – es entsteht in mir ein Bedürfnis nach Begegnung. Sehnsucht. Hoffnung. Der Wunsch, gesehen zu werden. Etwas macht mich wach und lebendig, ein inneres In-Bewegung-Sein. Ich spüre in dieser Zeit, wie schnell sich meine Gefühle abwechseln – von der Freude des Begehrtwerdens hin zur Trauer des Vermissens, zur Angst vor Verlust bis hin zur Überraschung der erneuten Begegnung.
Aber so bleibt es nicht. Nicht, weil die Verliebtheit weniger wird, sondern weil sie sich mit der Zeit wandelt.
In mir wird es ruhiger. Nicht schwächer, nur anders getragen. Was vorher ein intensives Spüren war, wird langsam zu etwas, das in mir bleibt – ein Zustand.
Da ist dann nicht mehr nur dieses Aufgeregte, sondern etwas Vertrautes. Aus Ich und Du wird ein Miteinander.
Etwas, das sich in mir gebildet hat: durch Zeit, durch Nähe, auch durch das, was zwischen uns nicht leicht war. Bindung entsteht. Und sie ist nicht einfach da und bleibt dann gleich. Sie bewegt sich.
Sie kann brüchig werden, sie kann sich verlieren und sie kann sich auch wieder finden, manchmal sogar tiefer als vorher.
Vertrauen kann neu entstehen, Nähe auch.
All das ist nicht mehr so unbewusst wie am Anfang, sondern gewollt, getragen, ein wenig stiller.
Und darin liegt etwas Wesentliches: Das Gefühl der Verliebtheit hat sich in einen Zustand von Liebe verwandelt. Liebe hört nicht auf, auch wenn andere Gefühle in mir zeitweise lauter werden – Wut, Trauer, Ohnmacht.
Diese können meine Liebe überdecken, aber sie löschen sie nicht einfach. Je tiefer ich mich verbunden habe, desto mehr spüre ich das was zwischen uns war – im Schmerz wie im Glück.
Und vielleicht ist Liebe für mich die Konstante.
Ein Gedanke dazu
Was ist Liebe, wenn sie nicht mehr nur Verliebtheit meint.
Am Anfang kann Liebe körperlich sehr laut sein: Erregung, Sehnsucht, das Bedürfnis, gesehen zu werden. Neurobiologisch lässt sich diese Phase als ein Zusammenspiel von Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Cortisol und Serotonin beschreiben. Sie macht wach, suchend, angespannt, euphorisch und stark auf den anderen Menschen ausgerichtet.
Mit der Zeit verändert sich diese Bewegung. Die Aufregung kann sich von einem körperlich intensiven Zustand in eine bewusstere Form von Bindung verwandeln. Nähe, Berührung, Verlässlichkeit, Fürsorge und gemeinsame Erfahrung stärken andere Systeme: Oxytocin, Vasopressin, körpereigene Opioide und Endorphine werden stärker mit Beruhigung, Zugehörigkeit und Bindung verbunden. Dopamin verschwindet dabei nicht, aber es steht weniger für den Rausch des Anfangs als für das Wiedererkennen von Nähe, Vertrautheit und Bedeutung.
An dieser Stelle berührt sich der biologische Prozess mit der Liebe nicht nur als Gefühl, sondern als eine Fähigkeit, die Wissen, Übung und Reife braucht. Sie zeigt sich in Fürsorge, Verantwortung, Achtung und Erkenntnis; Beziehung entsteht. Indem das Gegenüber als eigener Mensch erkannt wird. Sie ist also nicht nur Zustand, der bleibt, sondern auch eine Weise, sich auf einen anderen Menschen zu beziehen.
Und vielleicht ist das „Liebe: ON“:
nicht der Rausch des Anfangs, sondern die Fähigkeit, trotz Veränderung in Verbindung zu bleiben — mit Mitgefühl, Respekt und Zuneigung.
Wo Liebe gewachsen ist, schmerzt Diskrepanz.