Liebe: ON

Liebe: ON

Dort, wo der Gedanke aufgehört hat,
bleibt mitunter etwas stehen.

Liebe.

Nicht mehr als Wort und nicht mehr als dieses „Ich liebe dich“, das sich vielleicht schon aufzulösen begonnen hat, wenn Zeit ihre Bedeutung verliert.

Und doch ist da etwas.

Es entsteht ein Zusammenspiel mit dem, was mich hineinzieht. Am Anfang oft laut, spürbar, fast ein wenig unruhig – es entsteht in mir ein Bedürfnis nach Begegnung. Sehnsucht. Hoffnung. Der Wunsch, gesehen zu werden.

Etwas macht mich wach und lebendig, ein inneres In-Bewegung-Sein.

Ich spüre in dieser Zeit, wie schnell sich meine Gefühle abwechseln – von der Freude des Begehrtwerdens hin zur Trauer des Vermissens, zur Angst vor Verlust bis hin zur Überraschung der erneuten Begegnung.

Aber so bleibt es nicht.

Nicht, weil die Verliebtheit einfach weniger wird, sondern weil sie sich mit der Zeit wandelt.

In mir wird es ruhiger. Nicht schwächer, nur anders getragen. Was vorher ein intensives Spüren war, wird langsam zu etwas, das in mir bleibt.

Da ist dann nicht mehr nur dieses Aufgeregte, sondern etwas Vertrautes. Aus Ich und Du wird ein Miteinander.

Etwas hat sich in mir gebildet: durch Zeit, durch Nähe, auch durch das, was zwischen uns nicht leicht war.

Bindung entsteht.

Und sie ist nicht einfach da und bleibt dann gleich. Sie bewegt sich. Sie kann brüchig werden, sie kann verloren gehen und sie kann sich auch wiederfinden – manchmal sogar tiefer als vorher.

Vertrauen kann neu entstehen, Nähe auch.

All das ist nicht mehr so unbewusst wie am Anfang. Es wird gewollter, getragener, ein wenig stiller. Vielleicht liegt gerade darin etwas Wesentliches: Verliebtheit muss nicht einfach verschwinden. Aber aus dem, was mich zunächst hineinzieht, kann etwas entstehen, zu dem ich mich zunehmend auch verhalte.

Liebe.

Und vielleicht ist Liebe für mich die Konstante.

Vielleicht auch deshalb, weil sie nicht nur dort entsteht, wo ich mich verliebe.

Ich kenne sie in Freundschaften, in meiner Familie, in der Nähe zu einem Tier. Anders in ihrer Form, anders in ihrer Intensität – und doch verbunden mit etwas Ähnlichem: Nähe, Fürsorge und dem Wunsch, dass es dem anderen gut geht.

Auch dort wächst Bindung.

Zwischen Eltern und Kindern entsteht sie oft lange bevor ein Kind überhaupt Worte dafür hat. Freundschaften tragen sie durch gemeinsame Zeit, Verlässlichkeit und das Wissen umeinander. Und auch zu einem Tier kann eine Nähe entstehen, die vertraut wird und einen festen Platz im eigenen Leben einnimmt.

Keine dieser Beziehungen ist gleich. Und vielleicht muss sie das auch nicht sein.

Liebe hat nicht nur eine Form.

Was ihnen ähnlich sein kann, ist das, was mit der Zeit entsteht: Ein anderer Mensch – oder ein Tier – bekommt Bedeutung für mein eigenes Erleben. Seine Nähe kann beruhigen, sein Fehlen spürbar werden.

Und gerade deshalb macht Liebe auch verletzlich.

Liebe hört nicht auf, nur weil andere Gefühle in mir zeitweise lauter werden – Wut, Trauer, Enttäuschung oder Ohnmacht.

Ich kann einen Menschen lieben und gleichzeitig verletzt von ihm sein. Ich kann Nähe wollen und Abstand brauchen. Ich kann verbunden bleiben und dennoch wissen, dass etwas zwischen uns nicht mehr stimmt.

Diese Gefühle können Liebe überdecken, aber sie löschen sie nicht einfach.

Vielleicht ist es gerade diese Gleichzeitigkeit, die manchmal so schwer auszuhalten ist.

Je tiefer etwas in mir gewachsen ist, desto deutlicher kann ich auch seine Veränderung spüren – im Schmerz wie im Glück.

Vielleicht hat Liebe nicht nur eine Form.

Vielleicht ist es die Bindung, an der ich erkenne, dass etwas gewachsen ist.


Quellen & wissenschaftliche Grundlagen

Fisher, H. E., Aron, A. & Brown, L. L. (2005).
Romantic love: An fMRI study of a neural mechanism for mate choice. / Reward, motivation, and emotion systems associated with early-stage intense romantic love. Journal of Neurophysiology, 94(1), 327–337.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15928068/

Acevedo, B. P., Aron, A., Fisher, H. E. & Brown, L. L. (2012).
Neural correlates of long-term intense romantic love. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 7(2), 145–159.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21208991/

Feldman, R. (2017).
The neurobiology of human attachments. Trends in Cognitive Sciences, 21(2), 80–99.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28041836/

Burkett, J. P. & Young, L. J. (2012).
The behavioral, anatomical and pharmacological parallels between social attachment, love and addiction. Psychopharmacology, 224, 1–26.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22885871/

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