Was in uns weiterlebt

Was in uns weiterlebt

Über Epigenetik, Prägung und Beziehung

 

Zu erkennen, dass ein anderer anders empfindet, ist nicht dasselbe, wie seine andere Wirklichkeit aushalten zu können.

Den Schmerz oder die Meinung eines anderen rational zu verstehen, mag uns noch gelingen. Aber es ist verdammt schwer, daneben stehenzubleiben und dieses Gefühl mit auszuhalten, ohne es sofort verändern, bewerten oder wegerklären zu wollen.

Das beginnt schon dort, wo ein Kind mit seiner Wahrnehmung auf die Welt der Erwachsenen trifft.

Ein Kind erlebt etwas als beängstigend. Die Eltern jedoch halten es für notwendig.
Es fühlt sich beschämt. Die Eltern wollten es auf das Leben vorbereiten.

Die Wirklichkeit des Kindes ist unmittelbar, emotional und kann sich existenziell anfühlen. Wenn ein Kind Angst hat oder sich schämt, erlebt es dieses Gefühl auch körperlich. Für das Kind kann die Situation im Hier und Jetzt eine Bedrohung sein, auch wenn die Erwachsenen darin etwas Notwendiges sehen.

„Es war doch nur zu deinem Besten.“

Dieser Satz erklärt vielleicht eine Absicht. Die Wirklichkeit der Eltern richtet sich möglicherweise schon auf die Zukunft, auf das, was sie für vernünftig halten, und ist oft von Pflichtgefühl getragen. Auch Eltern haben gelernt, was Stärke bedeutet und wer für sie entschieden hat: „Uns hat es nicht geschadet, aus uns ist auch was geworden. Bei uns war es viel besser.“

Wie viel Eigenständigkeit verträgt die Familie, eine Freundschaft, eine Partnerschaft?

Die Erwachsenen nutzen die Sprache der Vernunft und der Notwendigkeit, um ein Kind zu erreichen, das gerade nicht weiter weiß, in einer Krise steckt oder einfach nur nicht möchte.

Eine Gesellschaft kann Selbstbestimmung längst bejahen, während sie innerhalb einer Familie noch als Ungehorsam gilt.
Man erkennt vielleicht, dass das Gegenüber weint oder wütend ist, und hält es dennoch kaum aus, diesen Schmerz oder diese Angst stehenzulassen, ohne sie sofort mit eigenen Worten wegzuerklären oder lösen zu wollen.

Zwischen dem, was beabsichtigt war, und dem, was angekommen ist, kann eine ganze Kindheit liegen

Dabei wird einem, möglicherweise, nicht bewusst, dass man das Kind, die Person  in seiner eigenen Wahrnehmung entwertet.
Beim Kind kann ankommen: „Ich bin falsch. Ich bin das Problem. Ich bin schuld.“
Bei der Person: „Das was ich fühle wird nicht gehört. Meine Angst und meine Trauer wird nicht anerkannt. Meine Wut wird als unberechtigt wahrgenommen. 
Wenn ich mich so aufführe, bin ich das Problem, nicht die Situation.“

Wo Fürsorge an Gehorsam gebunden war, kann es später schwerfallen, sich anzulehnen und zugleich eigenständig zu bleiben.
Vielleicht bestimmt man nun selbst, weil Nachgeben noch immer nach Unterordnung klingt.

Wie tief reichen solche Erfahrungen und Gewohnheiten?

Die Epigenetik untersucht eine biologische Ebene dieser Frage: wie Erfahrungen beeinflussen können, auf welche Weise unsere Gene genutzt werden, ohne dass sich die Abfolge der DNA verändert.

Rachel Yehuda und Amy Lehrner beschreiben in ihrer Forschungsübersicht, wie biologische Prozesse und Beziehungserfahrungen bei der Weitergabe von Traumafolgen, Mißbrauchshandlungen oder fundamentale Lebenserfahrungen zusammenwirken können. So kann eine Gewalterfahrung über den betroffenen Menschen hinaus weiterwirken, durch biologische Einflüsse, aber auch dadurch, wie die Person mit Angst lebt, Nähe zulässt oder ein Kind zu schützen versucht.

In einer Begegnung lässt sich das selten auseinanderhalten, denn da ist zunächst eine unbewusste Reaktion.

Was einmal geholfen hat, eine belastende Situation auszuhalten, kann zu einer tief sitzenden Gewohnheit werden. Vielleicht hat man gelernt, die eigenen Gefühle selbst zu relativieren, sich zusammenzunehmen und zu funktionieren – so, wie es die Eltern oder die Gesellschaft damals erwartet, vorgegeben haben.

Ein Mensch erzählt, dass ihn etwas verletzt hat. Sein Gegenüber hört darin möglicherweise Beschuldigung: Habe ich etwas falsch gemacht? Bin ich jetzt verantwortlich?

Noch bevor das Erlebte Raum bekommt, beginnt die Erklärung, warum etwas anders gemeint war und warum man so gehandelt hat.
Man versucht, seinen Schmerz verständlich zu machen. Das Gegenüber versucht, sich gegen Schuld zu schützen.
Beide sprechen über dieselbe Situation und erreichen einander kaum.

Vielleicht liegt hier eine Möglichkeit, innezuhalten.

Zu bemerken, wie mein Körper sich anspannt und meine nächste Rechtfertigung schon bereitsteht.

Muss ich jetzt etwas tun? Braucht es eine Grenze, ein Gespräch – oder zunächst Zeit, um wieder bei mir anzukommen?
Mir einen Moment geben, um zu spüren, was auf mich Einfluss nimmt. Die Aufmerksamkeit darf nach innen gehen:
Was berührt diese Begegnung in mirt?

Was brauche ich jetzt? Was braucht gerade mein Gegenüber? Wer hat Priorität – ich oder das Gegenüber?

Vielleicht muss der andere gerade nicht überzeugt werden.
Vielleicht lässt sich die eigene Antwort verändern:
etwas aussprechen, ohne zu drängen,
zuhören, ohne sich selbst zu übergehen,
ein Gespräch unterbrechen, um die Beziehung zu schützen, und es später neutraler aufnehmen.

Die Liebe kann den Wunsch wachhalten, einander zu erreichen.
Dazu gehört auch, den Kontakt zu sich selbst und zum Gegenüber nicht zu verlieren.

So darf langsam zwischen dem, was berührt, und dem, was darauf folgt, ein Raum entstehen indem neues Verhalten kreiert wird.




Quellen & wissenschaftliche Grundlagen

National Human Genome Research Institute: Epigenomics Fact Sheet. Grundlagen zu DNA-Methylierung, Histonen und der Veränderlichkeit epigenetischer Markierungen.
https://www.genome.gov/about-genomics/fact-sheets/Epigenomics-Fact-Sheet

Yehuda, R. & Lehrner, A. (2018): Intergenerational transmission of trauma effects: putative role of epigenetic mechanisms. World Psychiatry, 17(3), 243–257. Forschungsübersicht zur Weitergabe von Traumafolgen und zur möglichen Rolle epigenetischer Mechanismen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30192087/

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