Wer ist dieses Ich, über das ich urteile?
Manchmal reagiere ich, bevor ich verstehe.
Vor einiger Zeit sagte jemand zu mir, ich sei selbst schuld daran, dass Angst in meinem Leben Raum einnimmt und mich immer wieder schwächt.
Ich höre diese Worte und weiß zunächst nicht, was ich damit anfangen soll.
Angst gehört zum Menschen.
Doch wovor wir uns fürchten, wie früh wir Gefahr erwarten oder wie lange unser Körper in Alarm bleibt, entsteht nicht voraussetzungslos.
Ich bin nicht für jede Angst verantwortlich, die in mir aufsteigt. Aber als erwachsener Mensch kann ich lernen, ihr anders zu begegnen. Ich kann Verantwortung dafür übernehmen, wie ich auf sie reagiere.
Und zugleich anerkennen, dass mein Körper eine Geschichte mitbringt.
Später höre ich, ich solle endlich darüber hinwegkommen. Vergessen. Alte Dinge begraben. Weitermachen.
„Das bringt doch alles nichts mehr.“
„Alter Kaffee.“
Ich spüre Wut über diese vielleicht gut gemeinten Worte. Und Traurigkeit über das Unverständnis meines Gegenübers.
Zugleich entsteht ein merkwürdiges Gefühl:
Bin nun ich der Mensch, der dem anderen etwas antut?
Weil ich Unruhe auslöse.
Weil ich etwas benenne.
Der Mensch wird am Du zum Ich
Am Anfang des Lebens kann ein Mensch sich noch nicht von außen betrachten.
Ein Baby erlebt Hunger, Nähe, Spannung oder Beruhigung. Vieles davon wird zunächst in der Beziehung zu einer Bezugsperson reguliert.
Erst allmählich entsteht die Fähigkeit, das eigene Erleben vom Erleben des anderen zu unterscheiden.
Ein Kind erfährt, ob sein Nein gehört wird. Ob seine Gefühle Raum haben. Ob Nähe bleibt, wenn es widerspricht.
Vielleicht wird es als empfindlich bezeichnet, obwohl es etwas sehr genau wahrnimmt. Als schwierig, weil es sich wehrt. Als undankbar, weil es benennt, was fehlt.
So kann aus einem fremden Urteil allmählich das eigene werden.
Im Vorschulalter beginnen Kinder deutlicher zu verstehen, dass ein anderer Mensch etwas anderes wissen oder glauben kann als sie selbst.
Doch zu erkennen, dass der andere anders empfindet, ist nicht dasselbe, wie seine andere Wirklichkeit aushalten zu können.
Wenn eine Bezugsperson etwas anderes will, eine Grenze setzt, fortgeht oder ihre Aufmerksamkeit einem anderen zuwendet, wird die Eigenständigkeit des Du emotional spürbar.
Dieses Du kann Wut, Schmerz oder Angst auslösen.
Es kann auch den Wunsch wecken, den anderen festzuhalten oder zu kontrollieren.
Später kann ein Jugendlicher bereits verstehen, dass sein Handeln einen anderen verletzt. Und dennoch kann der eigene Wunsch in diesem Augenblick stärker sein.
Die Perspektive des anderen zu erkennen bedeutet noch nicht, sie im eigenen Handeln zu berücksichtigen.
Vielleicht bleibt diese Spannung ein Leben lang.
Auch ein erwachsener Mensch kann wissen, dass der andere etwas anders erlebt hat. Und dessen Wirklichkeit dennoch zurückweisen, sobald sie zu schmerzhaft wird.
Dann hört er vielleicht nicht mehr:
„Du hast es anders erlebt.“
Sondern:
„Wenn deine Erfahrung stimmt, bin ich schuldig.“
Und aus der Abwehr entsteht ein neues Urteil:
Du bist das Problem.
Du kannst nicht loslassen.
Du störst den Frieden.
Plötzlich wird nicht mehr das Vergangene zum Problem, sondern der Mensch, der es benennt.
Ein Du ist nicht nur jemand, den man als getrennt erkennt.
Es ist ein Gegenüber, das anders wahrnehmen, erinnern und fühlen darf.
Martin Buber beschreibt das Ich nicht als etwas, das schon fertig in der Welt steht. Es wird in der Begegnung mit dem Du erfahrbar.
Doch was geschieht, wenn die Wirklichkeit des Du die eigene infrage stellt?
Kann etwas Unangenehmes ausgesprochen werden, ohne dass der andere sich angegriffen fühlen muss?
Vielleicht nicht immer.
Aber Beziehung verlangt nicht, dass zwei Menschen dasselbe erlebt haben.
Sie braucht einen Raum, in dem Verschiedenheit bestehen darf.
Ma ist nicht das Schweigen, das sich selbst aufgibt.
Es kann der Zwischenraum sein, in dem ein Mensch wahrnimmt, ob sein Schweigen frei gewählt ist oder aus alter Angst entsteht.
Und Wu Wei bedeutet dann nicht, nichts zu sagen.
Es kann auch heißen, etwas auszusprechen, ohne den anderen zwingen zu können, es anzuerkennen.
Grenze und Verbundenheit dürfen gleichzeitig bestehen.
Auch wenn es schwerfällt.
Denn ein Mensch kann einen anderen lieben und sich selbst in dessen Nähe kaum aushalten.
„Ich liebe dich – aber ich mag mich nicht in deiner Nähe.“
Dann geht es nicht nur darum, ob man den anderen liebt.
Es geht auch darum, wer man in dieser Beziehung wird.
Kann ein Wir entstehen, in dem keiner kleiner werden muss?
Vielleicht zeigt sich Erwachsensein nicht darin, über alles hinweggekommen zu sein.
Sondern darin, die eigene Wirklichkeit und die des anderen nebeneinander bestehen zu lassen.
Erst dort, wo Ich und Du einander nicht auslöschen müssen, kann ein Wir entstehen.
Und manches, was zwischen ihnen wirkt, hat lange vor ihnen begonnen.
Ein Gedanke dazu
Die Fähigkeit, sich selbst und andere als Menschen mit einer eigenen inneren Welt wahrzunehmen, entsteht schrittweise.
Am Anfang ist ein Kind bei der Regulation von Spannung, Angst und Beruhigung wesentlich auf seine Bezugspersonen angewiesen. Aus wiederholten Erfahrungen entwickeln sich Erwartungen: Wird mein Erleben wahrgenommen? Bleibt Beziehung bestehen, wenn ich etwas anderes brauche oder will?
Im Vorschulalter gelingt es Kindern zunehmend, zwischen dem eigenen Wissen und dem Wissen eines anderen Menschen zu unterscheiden. Diese kognitive Fähigkeit ist jedoch nicht gleichbedeutend mit der emotionalen Fähigkeit, Verschiedenheit auszuhalten.
Auch in der Jugend entwickelt sich die Perspektivübernahme weiter. Und selbst im Erwachsenenalter bleibt sie von der jeweiligen Beziehung und der eigenen inneren Erregung abhängig. Unter Angst, Scham oder großer Kränkung kann es schwerer werden, die Gedanken und Gefühle des Gegenübers offen mitzudenken.
Mentalisieren bedeutet, eigenes und fremdes Verhalten als Ausdruck von Gefühlen, Wünschen, Absichten und Erfahrungen zu verstehen.
Dabei bleibt eine Unterscheidung wesentlich:
Die Wirklichkeit eines anderen anzuerkennen bedeutet nicht, ihr in allem zuzustimmen.
Es bedeutet zunächst, sie nicht auslöschen zu müssen, damit die eigene bestehen kann.
Quellen & wissenschaftliche Grundlagen
Stanford Encyclopedia of Philosophy (2026): Martin Buber. Abschnitt „Philosophy of Dialogue: I and Thou“.
https://plato.stanford.edu/entries/buber/
Thompson, R. A., Simpson, J. A. & Berlin, L. J. (2022): Taking Perspective on Attachment Theory and Research: Nine Fundamental Questions. Attachment & Human Development, 24(5), 543–560.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35073828/
Baroncelli, C. M., Lodder, P., van der Lee, M. & Bachrach, N. (2025): The Role of Enmeshment and Undeveloped Self, Subjugation and Self-Sacrifice in Childhood Trauma and Attachment Related Problems: The Relationship With Self-Concept Clarity. Acta Psychologica, 254, 104839.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40020289/
Dashorst, P. et al. (2019): Intergenerational Consequences of the Holocaust on Offspring Mental Health: A Systematic Review of Associated Factors and Mechanisms. European Journal of Psychotraumatology, 10(1).
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31497262/