Ma – die Zeit danach
Ma meint den Zwischenraum, in dem etwas nachklingen und sich neu ordnen darf.
Der Raum, in dem Gefühle sich zeigen, durchlebt werden und allmählich Form bekommen, bis dadurch auch Gedanken zur Ruhe kommen.
Wie ein Lagerfeuer. Ich sitze davor, spüre die heißen Flammen und bleibe dabei. Bis sie kleiner werden und ihre Macht verlieren.
Schmerz
Sprachlosigkeit
Ohnmacht
Hilflosigkeit
Übelkeit
Nicht-wahrhaben-wollen
Wegschieben
Überspielen
Ablenken
weitermachen
Nicht fühlen wollen
Zorn
Wut auf den Menschen
Wut auf den Betrug
Wut auf die Verletzung
Wut auf den letzten Streit
Wut auf das Ende
Wut auf den Tod
Wut auf die Endgültigkeit
Zorn darüber, dass etwas genommen wurde.
Verhandeln
Wenn ich es anders gemacht hätte
Ich konnte nicht mehr Emotionen tragen
Wenn ich noch einmal gesprochen hätte
Ich konnte nicht mehr zuhören
Wenn ich mehr verstanden hätte
Ich konnte nicht mehr halten, was bereits zerbrochen war
Trauer
Tränen
Sehnsucht
Vermissen
Hoffnungslosigkeit
Schuld
Scham
Trauer über die Wut
Trauer über die Trauer
Akezeptanz
Ich akzeptiere,
dass die Wut wiederkommt
Dass die Trauer bleibt
und sich verändert
Dass das Verhandeln nicht einfach verschwindet
Dass auch das Nicht-wahrhaben-Wollen
immer wieder auftaucht
Ich akzeptiere,
dass all das gerade zu mir gehört
Und dass dieser Zustand Zeit braucht
Selbstreflektion
Was zeigt sich, wenn mein Blick nicht mehr nur im Außen nach Lösungen sucht, sondern mehr auf mich selbst fällt?
Mit der Zeit darf sich mein Blickwinkel verändern und langsam das sehen, was sich unter meinen Gefühlen abspielt: meine Verletzungen, Ängste, die Erfahrungen, die mich geprägt haben. Denn ich bin hier. Es gibt kein Entkommen vor mir selbst.
Es geht nicht mehr darum, mich schuldig zu sprechen oder mich zu verteidigen. Sondern darum, mir selbst ehrlicher zu begegnen. Meinen Mustern. Meinen Bedürfnissen. Meinen Grenzen. Und dem, was ich in Beziehungen mitbringe.
Vielleicht entsteht auch die Frage, ob ich weiterhin Altes wiederholen möchte oder bereit bin, Neues in mir entstehen zu lassen. Ob ich den Mut habe, bestimmte Verhaltensmuster verändern zu wollen.
Nicht mehr nur auf den anderen zu schauen, sondern auch zu verstehen, wie ich fühle, handle und reagiere. Nicht als Opfer meiner Ängste und auch nicht als Mensch, der alles kontrollieren kann. Sondern als Mensch mit meinen Verletzungen, Bedürfnissen, Sehnsüchten und meiner eigenen Verantwortung.
Vielleicht entsteht genau daraus die Möglichkeit, mich selbst besser wahrzunehmen, ehrlicher zu kommunizieren und meinem Inneren Sprache zu geben.
Und vielleicht auch die Frage, ob ich bereit bin, Ma in mir entstehen zu lassen.
Ein Gedanke dazu
Dieses Ma ist mehr als das Fehlen von Gefühl.
Es ist der Zwischenraum, der den Dingen erst Form gibt.
Wie ein Gefäß erst durch seinen Hohlraum Bedeutung erhält.
Ma trägt die Freiheit in sich,
nicht sofort reagieren zu müssen.
Die Atempause zwischen Schmerz und Verzeihen.
Ein Resonanzraum,
in dem sich inneres Chaos langsam ordnen darf.
Vielleicht liegt genau darin seine Kraft:
Einsamkeit nicht länger nur als Mangel zu begreifen,
sondern als notwendige Distanz,
um sich selbst wieder hören zu können.