Liebe: Mute
Manchmal frage ich mich, was es eigentlich ist, das bleibt, wenn Liebe nicht mehr so spürbar ist wie früher.
Nicht, weil kein Leben mehr da wäre: Alltag ist da. Streit ist da. Gespräche sind da. Gegenseitige Aufgaben werden erledigt. Pflichtbewusstsein ist da. Auch eine Berührung ist noch da. Und trotzdem gibt es Augenblicke, in denen etwas nicht mehr in derselben Weise in Verbindung ist. Einsamkeit beginnt sich einzunisten.
Vielleicht ist genau das so schwer zu verstehen: Einsamkeit in der Liebe.
Liebe hat sich gebildet und vergeht nicht so schnell, auch wenn ich es mir manchmal wünschen würde. Denn dann würde vieles nicht so sehr wehtun. Mich nicht so belasten.
Gefühle kommen und gehen oft wie ein Augenzwinkern. Liebe bleibt länger bestehen. Sie übersteht Veränderungen, Verletzungen, Brüche und Verschiebungen. Vielleicht ist es genau das, was mich manchmal an mir selbst festhält. Ich spüre, dass noch etwas da ist, und weiß doch nicht immer, was es ist, das ich nicht loslassen will.
Vielleicht geht es dabei nicht nur um zwei Menschen. Vielleicht betrifft dieser Zustand auch Familie, Freundschaften, all das, was sich über Zeit aufgebaut hat und Teil des eigenen Lebens geworden ist. Liebe soll doch Nähe und Geborgenheit ermöglichen. Und doch frage ich mich, ob es nicht auch eine stille Wahrheit gibt: dass Liebe manchmal eine Einsamkeit in sich trägt, die schmerzhafter ist als Einsamkeit ohne Liebe. Weil meine Hoffnung noch da ist. Weil ich noch Sinnhaftigkeit spüre. Weil etwas in mir weiter an Verbindung glaubt, obwohl ich spüre, dass Menschen sich einander nicht mehr auf dieselbe Weise erreichen wie früher.
Mit der Zeit kommt Liebe. Aber vielleicht nimmt die Zeit sie nicht nur auf, sondern prüft sie, verändert sie, verdeckt sie oder verwandelt sie in etwas, das nicht mehr so leicht zu benennen ist. Vielleicht ist Liebe dann nicht weg. Vielleicht ist sie nur nicht mehr dort, wo ich sie suche. Vielleicht ist sie überdeckt von Wut, Müdigkeit, Ohnmacht oder von der stillen Erfahrung, dass Nähe nicht immer bedeutet, wirklich erreicht zu werden.
Ist deshalb die Liebe verschwunden? Oder geht sie noch immer Hand in Hand mit der Zeit, auch dann, wenn sie ihre Gestalt verändert hat?
Vielleicht muss ich manches aushalten, bevor es verstanden werden kann.
Denn Liebe steht auf dem Spiel.
Ein Gedanke dazu
Wenn Liebe als Bindung über längere Zeit entsteht, verschwindet sie oft nicht gleichzeitig mit der Spürbarkeit von Nähe. Gerade darin kann seelischer und auch körperlicher Stress entstehen. Menschen erleben dann nicht nur Verlust, sondern eine Spannung zwischen einer inneren Verbundenheit, die noch da ist, und einer Gegenseitigkeit, die nicht mehr in derselben Weise erreichbar scheint.
Das betrifft nicht nur romantische Beziehungen. Auch in Familien und Freundschaften kann Liebe weiterbestehen, obwohl Nähe, Verständnis oder Selbstverständlichkeit brüchig geworden sind. Jede Form von Beziehung hat dabei ihre eigenen Verschärfer. In romantischen Beziehungen kann Sexualität zu einer besonders empfindlichen Ebene werden, weil sich in ihr Nähe, Begehren, Bestätigung und Zurückweisung verdichten. In Familien liegen Belastungen oft in hohen Erwartungen, Rollenbildern und in vielem, was einander still zugemutet oder übereinandergestülpt wird. In Freundschaften zeigt sich häufig eine andere Ambivalenz: Nähe ist da, aber nicht dieselbe Verbindlichkeit, nicht dieselbe Priorität und nicht dieselbe Eindeutigkeit wie in anderen Beziehungen.
Diese Diskrepanz kann in eine Einsamkeit führen, die besonders schmerzhaft ist, weil Liebe noch da ist, Nähe aber nicht mehr auf die ersehnte Weise gelingt.
Wo Liebe stumm wird, bleibt Leere.