Himmel, Hölle, Fegefeuer
Meine eigene Freiheit kenne ich von innen
Es ist Sonntag. Ich sitze da, denke nach und höre mir selbst zu.
Ich denke an jene Begegnungen, in denen sich Beziehung leicht anfühlt: an den gestrigen Abend, der unbeschwert und lustig war, an ein Gespräch mit einem Menschen, bei dem ich mich sicher und geborgen fühle, an soziale Momente, in denen die Zeit ihre Bedeutung verliert. Ich werde ruhiger, entspannter, und zugleich fühlt sich mein Geist lebendig und frei an. Ich bringe mich ein, schwinge mit, und für eine Weile findet mein eigener Rhythmus zu dem des Gegenübers, einer Gruppe, vielleicht sogar einer Gemeinschaft.
Doch der Takt kann sich plötzlich verändern. Ein Satz eines Familienmitglieds verletzt. Eine andere Meinung setzt eine Diskussion in Gang, oder jemand zieht sich aus dem Gespräch zurück. Man geht auseinander, aber das Gespräch geht mit. Es sitzt später mit im Wohnzimmer, liegt mit im Schlafzimmer, vielleicht begleitet von einem Whisky.
Ich höre das Gesagte noch einmal und beginne, die Lücken mit meinen Gedanken, Erfahrungen und Bildern aus der Vergangenheit zu füllen. Ich erinnere mich anders, und die Begegnung bekommt eine neue Bedeutung.
Was im gemeinsamen Moment vielleicht nur ein Satz war, lebt in mir weiter. Etwas ist aus dem Rhythmus geraten, und während ich versuche, es zu verstehen, beginne ich meinen eigenen Takt zu verlieren.
Ich denke dabei an Tempelhüpfen, an jenes Kinderspiel, das auch Himmel und Hölle heißt. In dem Spiel, das ich kenne, wird ein Stein in ein Feld geworfen. Das Feld der Hölle darf nicht betreten werden; wer es berührt, scheidet aus. Und doch liegt es mitten auf dem Weg, noch vor dem Himmel, in dem man umdrehen muss. Gerade weil man es vermeiden soll, zieht es den Blick beinahe magisch an. Jeder weitere Sprung richtet sich nach ihm, bis der Stein fast vergessen ist.
Irgendwann stolpert man nicht mehr über den Stein, sondern über sich selbst: über die Angst, falsch aufzutreten, über die Anspannung, das Gleichgewicht zu verlieren, über die Vorstellung dessen, was geschehen könnte, wenn man dieses eine Feld berührt. Vielleicht bemerkt man dabei nicht, dass man innerlich längst darin steht.
So kann es auch im Leben sein. Ein Satz, ein Verrat, ein Verlust oder eine Enttäuschung bleiben nicht dort, wo sie geschehen sind. Man nimmt sie mit. Der Blick kreist um das, was nie wieder geschehen darf, und gerade dadurch gewinnt es immer mehr Raum. Der Stein liegt nicht länger nur auf dem Spielfeld. Alles in einem richtet sich nach ihm.
Vielleicht symbolisiert in diesem Spiel nicht ein Feld, sondern der Mensch selbst das Fegefeuer. Es ist kein Ort, sondern ein verinnerlichter Zustand. Der Mensch ist noch in Bewegung, doch der Rhythmus mit seinem Gegenüber und mit dem Spiel ist verloren gegangen. Je tiefer er sich in das Geschehene hineinsteigert, desto weniger spürt er noch den Takt. Übrig bleiben die eigene Trauer, die Angst und das, was ihn gerade ganz ausfüllt.
Plötzlich erscheint der Sprung in die Hölle als der sicherste. Nicht weil man dorthin möchte, sondern weil man aus der Situation herauswill. Doch dieser Sprung beendet nicht nur die gegenwärtige Runde. Auch die Vergangenheit kann eine andere Bedeutung bekommen, während die Zukunft ihren bisherigen Verlauf verliert.
Man hat sich selbst aus dem Spiel geworfen.
Der Nächste ist dran.
Doch nur weil der Nächste dran ist, ist die Begegnung nicht vorbei. Sie lebt in einem weiter
„Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen,
was man aus uns gemacht hat“, schrieb Jean-Paul Satre.
Vielleicht beginnt Freiheit genau in diesem Moment. Die vergangene Runde lässt sich nicht zurückholen.
Doch in der Gegenwart ist der Punkt, von dem aus die Zukunft eine andere Richtung nehmen kann.
Ein Gedanke dazu
Menschen stimmen sich in Begegnungen fortlaufend aufeinander ab. Die Forschung beschreibt diese zeitliche Abstimmung als interpersonelle Synchronität. Sie zeigt sich im Verhalten, in der Aufmerksamkeit und teilweise auch in körperlichen und neuronalen Prozessen. Sie bedeutet keine Verschmelzung, kann aber Verbundenheit, Einfühlung und gemeinsame Regulation unterstützen. Gerät dieser Rhythmus aus dem Takt, ist die Begegnung deshalb nicht einfach vorbei.
Auch unsere Erinnerung bewahrt ein Ereignis nicht wie eine unveränderte Aufnahme. Wenn wir uns später daran erinnern, wird das Erlebte neu zusammengesetzt. Die gegenwärtige Stimmung, frühere Erfahrungen und spätere Gedanken beeinflussen, welche Einzelheiten hervortreten und welche Bedeutung sie bekommen. Gefühle entstehen dabei nicht allein aus dem, was geschehen ist, sondern auch daraus, wie ein Mensch das Geschehen einordnet. So kann ein einzelner Satz im Nachhinein immer mehr inneren Raum einnehmen.
Das Tempelhüpfen verdichtet diesen Vorgang. Der Stein steht für das Geschehene, die Hölle für jenes Feld, auf das sich der Blick immer stärker richtet. Das Fegefeuer ist in diesem Text kein Ort, sondern der Mensch selbst: noch in Bewegung und doch aus dem eigenen Takt geraten.
Kierkegaards Verzweiflung bezeichnet jenen Punkt, an dem nicht nur eine Begegnung, sondern das Verhältnis des Menschen zu sich selbst ins Wanken gerät. Sartres Freiheitsgedanke öffnet die Bewegung wieder. Was geschehen ist, bleibt Teil der eigenen Geschichte. Es legt jedoch nicht vollständig fest, was der Mensch daraus machen und in welche Richtung er weitergehen kann.
Quellen & wissenschaftliche Grundlagen
Konrad, K. et al. (2024): Interpersonal neural synchrony and mental disorders: unlocking potential pathways for clinical interventions. Frontiers in Neuroscience, 18, 1286130. doi: 10.3389/fnins.2024.1286130. PubMed
Zhao, Q. et al. (2024): Interpersonal neural synchronization during social interactions in close relationships: A systematic review and meta-analysis of fNIRS hyperscanning studies. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 158, 105565. doi: 10.1016/j.neubiorev.2024.105565. PubMed
Faul, L., Ford, J. H. & Kensinger, E. A. (2024): Update on “Emotion and autobiographical memory”: 14 years of advances in understanding functions, constructions, and consequences. Physics of Life Reviews, 51, 255–272. doi: 10.1016/j.plrev.2024.10.005. PubMed
Yeo, G. C. & Ong, D. C. (2024): Associations between cognitive appraisals and emotions: A meta-analytic review. Psychological Bulletin, 150(12), 1440–1471. doi: 10.1037/bul0000452. PubMed
Kierkegaard, Søren (1849): Die Krankheit zum Tode. Darin entwickelt Kierkegaard Verzweiflung als ein gestörtes Verhältnis des Selbst zu sich selbst. Stanford Encyclopedia of Philosophy
Sartre, Jean-Paul (1952): Saint Genet, Komödiant und Märtyrer. Der Text entfaltet Freiheit als einen Umgang mit dem Vorgegebenen und mit dem, was andere aus einem Menschen gemacht haben. Stanford Encyclopedia of Philosophy